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Junge Frau sitzt im Sessel mit einem Laptop auf dem Schoß

„Selbst­hil­fe ist wie ein Seis­mo­graph"

Anders als befürchtet, konnte die Selbsthilfe den Herausforderungen der Pandemie standhalten. Mehr noch: Der Digitalisierungsschub konnte ihr Potenzial heben. Die beiden Fachreferent*innen für Selbsthilfe-Kontaktstellen im Paritätischen NRW, Lioba Heuel und Marco Tammen, über die Pandemiezeit und aktuelle Entwicklungen.

Pandemie als Katalysator für Digitalisierungsprozesse

Die Corona-Pandemie hat die Selbsthilfe durch all die Einschränkungen ins Mark getroffen. Persönliche Treffen, die als Kerneigenschaft der Selbsthilfe gelten, waren nicht mehr möglich …
Lioba Heuel: Das war natürlich sehr hart. In Nordrhein-Westfalen sind schätzungsweise eine halbe Million Menschen Mitglied in einer Selbsthilfegruppe. Für all diese Menschen sind die regelmäßigen Treffen eine ganz wichtige, unterstützende Säule im Alltag. Und diese Säule brach plötzlich weg.

Wie haben die Selbsthilfegruppen darauf reagiert?
Marco Tammen: Sehr unterschiedlich. Einige Gruppen sind „eingeschlafen“ oder haben sich aufgelöst. Die überwiegende Mehrheit hat sich aber den neuen Gegebenheiten sehr schnell angepasst. Die Suchtselbsthilfe beispielsweise hat sich bereits eine Woche nach Inkrafttreten der Kontaktbeschränkungen virtuell getroffen.

Und sich damit auf ganz neues Terrain begeben …
Tammen: Absolut. Das gilt für die gesamte Selbsthilfe. Die Pandemie wirkte auch hier wie ein Katalysator für Digitalisierungsprozesse. Vor der Pandemie war es undenkbar, dass Selbsthilfe ohne direkten, persönlichen Kontakt funktionieren kann.

Wie haben die Selbsthilfe-Kontaktstellen im Paritätischen NRW die Gruppen in dieser außergewöhnlichen Zeit unterstützt?
Heuel: Die Selbsthilfe-Kontaktstellen und -Büros aber auch die Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe haben sich schnell auf die Situation eingestellt und reagiert. Es galt in erster Linie, den Kontakt zu den Gruppen zu halten und sie unter anderem bei der Digitalisierung zu unterstützen. Mit dem Virtuellen Haus der Selbsthilfe NRW hat der Paritätische NRW zum Beispiel eine eigene Plattform für virtuelle Gruppentreffen geschaffen, die auch den speziellen Anforderungen der Selbsthilfe entspricht.

Psychosoziale Themen sind stark nachgefragt

Die Pandemie zerrte enorm an den Nerven der Menschen. Macht sich das auch in der Selbsthilfe bemerkbar?
Heuel: Auf jeden Fall! Die Selbsthilfe ist wie ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Seit Jahresbeginn konnten wir eine deutliche Zunahme an Gruppengründungen verzeichnen.

Welche Themen werden besonders nachgefragt?
Tammen: Wir beobachten eine hohe Nachfrage vor allem bei psychosozialen Themen und psychischen Erkrankungen – allen voran Ängste und Depression. Das ist auch nicht verwunderlich, immerhin haben in den vergangenen zwei Jahren sehr viele Menschen Einsamkeits- und Isolationserfahrungen gemacht. Das spiegelt sich nun in der Selbsthilfe wider. Eine Gruppe zum Thema Essstörung hat jüngst einen solchen Zulauf erfahren, dass wir sie teilen müssen. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen. Es sind außerdem auch ganz neue Themen auf die Fläche gekommen wie Long Covid, Einsamkeit oder Querdenker.

Die Kontaktbeschränkungen sind weitestgehend aufgehoben. Selbsthilfegruppen dürfen sich wieder in Präsenz treffen. Folgt jetzt die Rolle rückwärts?
Heuel: Jein. Für viele Gruppen ist der virtuelle Austausch ausschließlich als Zwischenlösung genutzt worden. Wir sehen aber auch, dass das digitale Austauschformat viele Menschen anspricht, für die der Zugang zur Selbsthilfe bislang durch die Ortsgebundenheit erschwert war: für immobile Menschen zum Beispiel, oder für Menschen mit seltenen Erkrankungen.
Tammen: Auch Gruppen, die sich zu psychosozialen Themen wie sozialen Ängsten austauschen, nutzen das virtuelle Format gerne. Eine Selbsthilfe-Aktive, die eine Angsterkrankung hat, erzählte kürzlich, sie schaffe es nur bis zur Mülltonne vor dem Haus. Dann ist Schluss. Für diese Menschen ist der Digitalisierungsschub ein enormer Gewinn.

Dieses Interview ist erschienen im FORUM 2/2022, der Zeitschrift des Paritätischen NRW. 


Titelbild: © emaria | stock.adobe.com

Neuigkeit veröffentlicht am 30.08.2022

Lioba Heuel
Lioba Heuel
Fachreferentin Selbsthilfe-Kontaktstellen im Paritätischen NRW
Marco Tammen
Marco Tammen
Fachreferent Selbsthilfe-Kontaktstellen im Paritätischen NRW

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