Gemeinsam die Zukunft der Selbsthilfe gestalten

Gesellschaftliche Veränderungen sind auch in der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe spürbar. Viele Gruppen und Verbände stehen vor einem Generationenwechsel, müssen sich mit Nachwuchsproblemen und interkultureller Öffnung auseinandersetzen. Die Selbsthilfeakademie NRW unterstützt sie dabei.

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Die Selbsthilfe hat sich zu einer tragenden Säule des Gesundheitswesens entwickelt. Als freiwilliges Beratungsangebot von Betroffenen für Betroffene ergänzt sie zum Wohl der Patientinnen und Patienten die professionelle Gesundheitsversorgung. Auch die Mitglieder der Gesundheitsselbsthilfe NRW haben sich den Prinzipien der Selbsthilfe verpflichtet und bringen Erfahrungen aus ihrer Arbeit in die Selbsthilfe-Gruppen mit ein. Der früher als Wittener Kreis bekannte Zusammenschluss von derzeit 70 kleinen und großen Selbsthilfe-Verbänden bildet das Dach für örtlich aktive Gruppen und fördert den Austausch mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens wie Krankenkassen, Ärzteschaft und Politik. Rund 90 Prozent dieser Verbände, die sich besonders durch ihre Heterogenität auszeichnen, sind Mitglied im Paritätischen NRW.

Stuhlkreis versus soziale Medien?
Aktuell steht die Gesundheitsselbsthilfe vor einigen Herausforderungen. Während die Bereitschaft sinkt, sich ehrenamtlich in einer Gruppe oder im Vorstand eines Selbsthilfe-Verbandes zu engagieren, steigt der Anspruch an die Selbsthilfe: „Nicht jeder möchte sich im klassischen Stuhlkreis austauschen. Die Struktur der Selbsthilfe passt nicht mehr zu den Bedürfnissen jüngerer Menschen, die sich lieber über Facebook und Co. vernetzen und nur einmal im Jahr persönlich treffen möchten. Aber beide Formen können nebeneinander bestehen“, erläutert Dr. Volker Runge. Die Vielfalt der Selbsthilfe zeigt sich auch in seinen unterschiedlichen Funktionen: Er ist Sprecher der Gesundheitsselbsthilfe NRW, ehrenamtliches Mitglied im erweiterten Vorstand des Landesverbandes der Aphasiker NRW e.V. sowie im Steuerungskreis der Selbsthilfeakademie NRW.

Selbsthilfe muss ihre Identität wahren
Veränderte Aufgaben und Rollen, hohe Erwartungen an Professionalität – wie kann die Selbsthilfe nachhaltig umstrukturiert werden? Laut Dr. Volker Runge ein Balanceakt: „Die Teilnahme an einer Gruppe ist ein freiwilliges Angebot, das man nicht zu stark regulieren darf, sonst geht der ursprüngliche Selbsthilfe-Gedanke verloren. Es gilt, Vertrautes und Bewährtes zu erhalten, sich aber gleichzeitig für die Ideen neuer und jüngerer Mitglieder zu öffnen“, so Runge. Doch diejenigen, die in den Führungsgremien arbeiten, müssen sich in erster Linie um den Erhalt ihres Selbsthilfe-Verbandes kümmern. In kleineren und mittleren Verbänden fehlen daher oftmals Zeit und Ressourcen, um den Ausbau der Selbsthilfe konsequent voranzutreiben.

Selbshilfekademie schließt Lücke im System
Bei den Entwicklungsschritten in die Zukunft hilft die im Januar 2015 gegründete Selbsthilfeakademie NRW – ein Kooperationsprojekt der Gesundheitsselbsthilfe und des Paritätischen NRW sowie der AOK Rheinland/Hamburg und der AOK NORDWEST. Mit indikations- und ortsübergreifenden Fort- und Weiterbildungen bietet sie Raum für Austausch und Vernetzung. Die Seminare und Workshops richten sich an Selbsthilfe-Gruppen und Selbsthilfe-Landesverbände. Sie sind unabhängig vom Thema, mit dem diese sich primär beschäftigen und daher keine Konkurrenz für eigene Seminare. Inhalte sind etwa die Darstellung in sozialen Medien, der Aufbau einer Homepage, Pressearbeit, die Moderation von Gruppen, der Umgang mit Konflikten oder Veranstaltungsplanung. Für Teilnehmende der gesundheitlichen Selbsthilfe sind diese Angebote kostenlos. Ende 2016 hat die Gesellschaft für Soziale Projekte (GSP) des Paritätischen NRW mit ihrem innovativen Projekt den zweiten Platz beim Gesundheitspreis NRW erzielt.

Begegnung und Austausch auf Augenhöhe
Die Selbsthilfe erhält immer mehr Beachtung im Gesundheitswesen und in der Politik, ist in diversen Arbeitskreisen und Gremien vertreten und bei sektorenübergreifenden Themen gefordert. Gemeinsam mit regionalen Selbsthilfe-Kontaktstellen wird zum Beispiel über schnellere Behandlungsmöglichkeiten für psychisch Kranke gesprochen, indikationsspezifische Selbsthilfe-Gruppen dabei einbezogen. Dass es in NRW über 20 zertifizierte selbsthilfefreundliche Krankenhäuser gibt, zeigt ebenfalls, wie gut die Kooperation mit der Selbsthilfe funktioniert.

Die Gesundheitsselbsthilfe wird verstärkt in die Patientenversorgung eingebunden. Hier treffen jedoch zwei Partner aufeinander, die unterschiedliche Zugänge und Perspektiven zu einem gemeinsamen Feld haben. Runge: „Der Dialog zwischen der Selbsthilfe mit allen Akteuren im Gesundheitswesen sollte auf Augenhöhe und mit gegenseitiger Wertschätzung stattfinden. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, sich verstehen und voneinander lernen zu wollen.“ Bereits im Juni 2017 hat sich ein Experten-Workshop der Selbsthilfeakademie damit beschäftigt, wie eine noch engere Vernetzung und Zusammenarbeit erreicht werden kann. Weitere Veranstaltungen zu diesem Thema sind geplant. Zudem plädiert Runge für die Aufnahme des Themas Selbsthilfe in die Lehrpläne der Medizin-, Pflege- und Heilberufe.

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