erweiterte Möglichkeiten, die eigenen Interessen durchzusetzen und - gemeinsam mit anderen - bedürfnisgerechte Angebote zu schaffen (Trojan 1986, S.163 ff).
„Die gegenseitige Unterstützung von Betroffenen ist eine wirksame Hilfe gegen die Vereinzelung und Ausgrenzung, von denen Langzeitkranke bedroht sind. In den Gruppen ist Solidarität erfahrbar. Die Gesundheitsarbeit, die in Selbsthilfegruppen geleistet wird, ist viel mehr als nur die Beschäftigung mit der Krankheit.“ Es geht in den Gruppen um „Probleme der Bewältigung krankheitsbedingter Angst, Scham und Unsicherheit, das tägliche Zurechtkommen mit der Krankheit im Alltag (Beruf, Familie), mit Trauer und Depression über erlittene Einschränkungen der Teilhabe am öffentlichen Leben, über Rollen- und Integrationsverlust, das Erlebnis sozialer Stigmatisierung, d. h. des Ausgeschlossenseins von vollständiger sozialer Anerkennung, und um Minderung des Selbstwertgefühls, Identitätskrisen“ (Röhrig 1991, S.V, 3).
Sozialpolitisch relevante Wirkungen sind die vielen kritischen, innovativen Impulse, die von Selbsthilfegruppen ausgehen und zu Veränderung und Umdenken im professionellen Bereich beitragen.
„In politischer Hinsicht erfüllt die Selbsthilfe drei wichtige Funktionen:
die Konsumentenvertretung in der Gesundheits- und Sozialpolitik (...)
die Weiterentwicklung der Partizipation in der sozialstaatlichen Leistungsverwaltung (...)
die Profilierung und Unterstützung der kommunalen Position im Gesundheits- und Sozialwesen (...)
In kultureller Hinsicht steht die Selbsthilfe für die Prinzipien der Kompetenz der Bürger/-innen in eigener Sache (gegen Expertendominanz) und für die Pluralität der Werte und Wege“ (v. Ferber 1996, S. 129 f).
„In den Gesundheitsselbsthilfegruppen werden wesentliche Strukturmerkmale gesundheitsbezogenen Laienhandelns öffentlich sichtbar:
beispielhaft für andere Formen der Gesundheitshilfe,
herausfordernd im Aufweisen der Grenzen beruflich-entgeltlicher Dienstleistungen,
neuorientierend für die sozialpolitische Dienstleistungsstrategie,
diskussionsfähig für gesundheitspolitische Reformen.“ (Forschungsverbund Laienpotential 1987, S. 233)
Selbsthilfe kann und will nicht sozialstaatliche Leistungen ersetzen, wohl aber ihre eigenen spezifischen Qualitäten entwickeln und so zu einer Befruchtung von Selbst- und Fremdhilfe beitragen (vgl. Trojan 1986, S. 176 - 200; Braun/Greiwe 1989, S. 36).
„Über den volkswirtschaftlichen Nutzen der Arbeit von Selbsthilfegruppen und Initiativen liegen bislang nur wenige gesicherte Informationen vor. Eine in München 1992 durchgeführte Untersuchung ergibt, daß Investitionen der Selbsthilfeförderung durch Einsparung sonst notwendiger Leistungen des Sozial- und Gesundheitssystems sowie durch unentgeltlich erbrachte Leistungen der Bürger zu erheblichen Rückflüssen führen. Neben den öffentlichen Haushalten profitieren hiervon die Träger der Sozialversicherungen, insbesondere die Krankenkassen. Die Befragungen von Selbsthilfegruppen und Initiativen zeigen, daß die gesellschaftliche Wertschöpfung, die von den Mitgliedern der Selbsthilfegruppen und Initiativen für sich und andere jährlich erbracht wird, auf über 4 Milliarden DM geschätzt werden kann.“ (Braun/Kettler/Becker 1997, S. 7 f; vgl. Engelhardt u. a. 1995)
Literaturhinweise zu den Wirkungen der Selbsthilfe:
Braun, Joachim/Greiwe, Andreas, 1989: Kontaktstellen und Selbsthilfe. Bilanz und Perspektiven der Selbsthilfeförderung in Städten und ländlichen Regionen; Köln
Braun, Joachim/Kettler, Ulrich/Becker, Ingo, 1997: Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in der Bundesrepublik; Schriftenreihe des BMFSFuS Bd. 136, Stuttgart
Engelhardt, Hans Dietrich, u.a. , 1995: Was Selbsthilfe leistet ... Wirkungen und sozialpolitische Bewertung; Freiburg
Ferber, Christian von, 1996: Zur gesellschaftlichen und sozialpolitischen Bedeutung von Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung; in: Gesundheitsakademie Bremen (Hg.), 1996: Neue Provokationen zur Gesundheit, Frankfurt/M., S. 123 – 131
Forschungsverbund Laienpotential, Patientenaktivierung und Gesundheitsselbsthilfe (Hg.), 1987: Gesundheitsselbsthilfe und professionelle Dienste. Soziologische Grundlagen einer bürgerorientierten Gesundheitspolitik; Heidelberg 1987
ISAB (Hg.), 1996: Selbsthilfe 2000: Perspektiven der Selbsthilfe und ihrer infrastrukturellen Förderung; Fachtagung des BMFSFuJ 12/96, Leipzig/Köln
Köhler, Barbara Maria / Thorbecke, Rupprecht, 1988: Struktur und Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen; in: Neue Praxis 1/88, S. 50 – 68
Röhrig, Peter (Hg.), 1991: Gesundheitsselbsthilfe. Praxishandbuch für die Unterstützung von Selbsthilfezusammenschlüssen; Stuttgart/New York
Trojan, Alf (Hg.), 1986: Wissen ist Macht. Eigenständig durch Selbsthilfe in Gruppen; Frankfurt