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Selbsthilfegruppen, in denen sich Menschen zur Bewältigung gesundheitlicher und sozialer Probleme zusammenschließen, sind seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zunehmend entstanden. Bundesweit gibt es zur Zeit ca. 70.000 dieser Zusammenschlüsse, in denen sich etwa drei Millionen Menschen engagieren.
Mit dem Beginn dieser Selbsthilfebewegung wurde schnell deutlich, dass Selbsthilfe in ihrer Entwicklung und Stabilisierung durch professionelle Unterstützung gestärkt wird. So wurde 1981 die erste Selbsthilfekontaktstelle der BRD in Hamburg gegründet, es folgten Berlin und weitere Großstädte zu denen auch Dortmund gehörte. Heute, 20 Jahre später, gibt es 160 dieser Einrichtungen. Zu ihrer inhaltlichen Ausgestaltung sowie ihrer Verbreitung haben maßgeblich zwei wissenschaftlich begleitete Bundesmodellprogramme - Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre - beigetragen.
Selbsthilfe-Kontaktstellen sind professionelle Beratungseinrichtungen, die Dienstleistungen zur Förderung und Unterstützung gesundheitlicher und sozialer Selbsthilfeaktivitäten erbringen. Ihre zentralen Aufgaben bestehen:
Selbsthilfekontaktstellen arbeiten bedarfsorientiert.
Sie nehmen die Anliegen von selbsthilfeinteressierten Bürgerinnen und Bürgern sowie von bestehenden Selbsthilfegruppen auf und unterstützen diese. So wird z. B. im Kontakt mit einer Bürgerin der Wunsch nach einer Gruppengründung aufgegriffen und mit Beratungsgesprächen, Pressearbeit und Moderation der Gruppengründungstreffen unterstützt.
Im Bereich der Selbsthilfegruppen werden zur Bearbeitung aktueller Problemstellungen wie z. B. bei „Konflikten in Gruppen“ Gesprächs- und Fortbildungsangebote organisiert und durchgeführt. Eine weitere wichtige Unterstützungsleistung der Kontaktstellen ist die Interessenvertretung der Selbsthilfe bei grundlegenden gemeinsamen Themen im sozial- und gesundheitspolitischen Raum. Als Beispiel sei hier die Selbsthilfeförderung durch die Krankenkassenverbände genannt.
Welche Bedeutung hat diese bedarfsorientierte Ausrichtung der Selbsthilfekontaktstellen? Sie vermittelt selbsthilfeinteressierten Menschen mit ihren Anliegen ernst- und wichtig genommen zu werden und hat die Zielsetzung ihre Eigenaktivität zu fördern.
Selbsthilfekontaktstellen arbeiten themenübergreifend. Sie sind nicht auf einen fachlichen Schwerpunkt wie z.B. eine Suchtberatungsstelle spezialisiert. Sie sind Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger und die unterschiedlichsten Themen, die an sie herangetragen werden. Diese reichen beispielsweise von Adoptiveltern über Depressionen und Hörschädigungen bis hin zu Rheuma, Schuppenflechte und Verwaiste Eltern.
Bei näherer Betrachtung der Selbsthilfelandschaft wird deutlich, dass in der Regel 2/3 der Gruppen dem Gesundheitsbereich zuzuordnen sind. Damit nimmt dieser Bereich ein besonderes Gewicht in der professionellen Selbsthilfeunterstützung ein.
Was bedeutet dieser themenübergreifende Arbeitsansatz für die Zusammenarbeit mit selbsthilfeengagierten Menschen?
Er führt dazu, dass nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Selbsthilfekontaktstelle sondern die Betroffenen mit ihrer Erfahrungskompetenz die Fachleute für ihre eigenen Themen sind. Daher ist die gemeinsame Arbeitsatmosphäre durch ein gegenseitiges Lernen und ein partnerschaftliches Miteinander geprägt.
Bedeutend in der Arbeit von Selbsthilfe-Kontaktstellen ist auch, dass sie die Ressourcen und Potentiale selbsthilfeinteressierter Menschen aufgreifen und unterstützen. Sie stärken durch ihre Aktivitäten die Eigenverantwortung und die gegenseitige freiwillige Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern. Dabei leisten sie keine regelmäßige Einzelfallarbeit und leiten auch keine Selbsthilfegruppen. Sie sind vielmehr Ansprechpartner im Hintergrund für die unterschiedlichsten Belange der Selbsthilfe. Dadurch wahren sie die Autonomie des einzelnen Selbsthilfeengagierten sowie der Gruppen.
Mit ihrem spezifischen Aufgabenprofil sind Selbsthilfe-Kontaktstellen eine Art Drehscheibe zwischen den an Selbsthilfe Interessierten, den Selbsthilfegruppen, den professionell Tätigen sowie der allgemeinen Öffentlichkeit.
Sie nehmen auch eine Wegweiserfunktion im System der gesundheitlichen und sozialen Versorgung ein, da sie im Rahmen ihrer Vermittlungs- und Beratungstätigkeit über örtliche Fachdienste informieren und an diese weiterleiten. Natürlich richtet sich die konkrete Ausführung der Schwerpunktaufgaben der Selbsthilfe-Kontaktstellen nach den lokalen Gegebenheiten (Stadt / Land / Personelle Besetzung / Träger) und dem Bedarf der Nutzerinnen und Nutzer.
(...) Abschließend gehe ich nun noch einmal auf die Bedeutung der Selbsthilfekontaktstellen und der Selbsthilfe ein.
Selbsthilfekontaktstellen fördern Selbsthilfepotentiale von Bürgerinnen und Bürgern. Hierzu möchte ich möchte ich beispielhaft einige statistische Zahlen der KISS Dortmund benennen:
1986 gab es 100 Selbsthilfegruppen in Dortmund und es wurden 960 Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern über die Selbsthilfelandschaft gestellt. 16 Jahre später ist die Anzahl der Selbsthilfegruppen um das Vierfache angewachsen. Zur Zeit gibt es 400 Gruppen in Dortmund. Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die beraten und an Selbsthilfegruppen vermittelt werden stieg in dieser Zeitspanne um 150%.
Auch durch die Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstellen und ihrer Lobbyverbände haben Selbsthilfegruppen in der öffentlichen Wahrnehmung durch Bürger, Politiker und Medien an Bedeutung gewonnen. Sie sind aus vielen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens nicht mehr wegzudenken. Selbsthilfe ist praktische Lebenshilfe, die in dieser Form kein Arzt oder Therapeut zu leisten vermag. Aus diesem Grund sieht eine wachsende Zahl von Menschen in der Selbsthilfe eine wichtige Form der Problembewältigung neben der professionellen Hilfe durch Arztpraxen, Krankenhäuser, Beratungsstellen oder städtische Ämter.
Selbsthilfegruppen tragen dazu bei, dass Menschen sich zu mündigen Bürgern und Patienten entwickeln, die aktiv in die Gesellschaft hinein wirken.
Gruppenmitglieder werden durch ihr zunehmendes Wissen zu einem kundigen Gegenüber für professionelle Helfer und nehmen fachbezogene Angebote gezielter in Anspruch. Selbsthilfegruppen und -organisationen tragen auch zu einer qualitativen Verbesserung des professionellen Hilfesystems bei, indem sie auf Versorgungsmängel und Versorgungslücken aufmerksam machen. Sie regen patientennahe, wissenschaftliche Studien an und fördern diese.
Indirekt profitieren auch Krankenkassen und Sozialversicherungsträger von dem Engagement der Selbsthilfe, das - durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt - auch gesundheitsfördernd wirkt. Betroffene sind durch den Besuch der Selbsthilfegruppe nicht mehr isoliert. Sie erfahren Zuwendung und Motivation in einer Gemeinschaft unter Gleichen. Das entlastet die Gruppenmitglieder aber auch ihre Partner und Familienangehörigen. Insbesondere bei chronischen, psychosomatischen und Suchterkrankungen zeigt sich, dass Selbsthilfe zu mehr Wohlbefinden und zu einem positiven Krankheitsverlauf beitragen kann. Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann eine geringere Medikamenteneinnahme sowie eine verminderte Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Dienste bewirken. Den volkswirtschaftlichen Nutzen der Selbsthilfe schätzen Experten auf jährlich mindestens zwei Milliarden Euro.
Selbsthilfe-Kontaktstellen werden auch in Zukunft dafür sorgen, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt.