Selbsthilfe-Kontaktstellen als „Fenster zur Selbsthilfe"


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Selbsthilfe-Kontaktstellen als „Fenster zur Selbsthilfe"


„Wer als Sozialwissenschaftler in diesem ständig in Bewegung, in Erneuerung, aber auch in Veränderung der engagierten Menschen sich befindenden Feld Strukturen entdecken und zu verallgemeinerungsfähigen Aussagen kommen will, dem geben die Selbsthilfekontaktstellen ein geeignetes Beobachtungsfeld. Über diese ‘Fenster’ kann das Feld ‘Selbsthilfe’ erschlossen werden. Nur auf diese Weise können Strukturen, Prozesse, vor allem aber Trends sichtbar gemacht werden, die wiederum für den Förderbedarf, aber auch für eine gezielte Förderung unentbehrliche Orientierungsdaten liefern“ (Kettler/von Ferber 1997).



Selbsthilfe-Kontaktstellen werden mancherorts abgekürzt: KISS (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe[gruppen]), SEKIS (Selbsthilfe-Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe), BIKIS, MIKS  u. a. m.
Selbsthilfe-Kontaktstellen als neuer Einrichtungstypus haben sich als die infrastrukturelle Selbsthilfefördermaßnahme erwiesen, wie zwei groß angelegte  Bundesmodellprogramme und auch die tägliche Praxis belegen (Braun/Opielka 1992, Braun/Kettler/Becker 1997). Das Konzept dieser Stellen wurde bereits Ende der 70er Jahre von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG Selbsthilfegruppen e. V.) entwickelt.
Kontaktstellen nehmen Aufgaben wahr, die in dieser Zusammenstellung neuartig sind. Sie sind die „Drehscheibe“ zwischen den an Selbsthilfe Interessierten, den Selbsthilfegruppen und -initiativen, den im Gesundheits- und Sozialbereich hauptamtlich Tätigen sowie Politik und allgemeine Öffentlichkeit.

Eine Kontaktstelle ist nicht auf einen fachlichen Schwerpunkt (z. B. Sucht) konzentriert, sondern arbeitet problemlagenübergreifend.
Eine Kontaktstelle ist Anreger, Vermittler, Förderer, Multiplikator der Selbsthilfe.
Sie leistet weder Einzelfallhilfe noch leitet sie Gruppen.
Zwei Drittel bis drei Viertel aller Personen, die sich an die Selbsthilfe-Kontaktstellen wenden, haben gesundheitliche Anliegen.
Kontaktstellen richten ihre Arbeit ausschließlich auf ein lokales Einzugsgebiet aus.
Zur Zeit gibt es in Deutschland ca. 170 Selbsthilfe-Kontaktstellen (vgl. NAKOS „Rote Adressen“; www.nakos.de), die sich hinsichtlich ihrer Ausstattung und Trägerschaft stark unterscheiden. Es gibt noch viele „weiße Flecken" in der Kontaktstellenlandschaft in Deutschland, insbesondere in ländlichen Regionen. Die finanzielle Absicherung der Kontaktstellen ist vielfach ungewiss.
Umfragen bei an Selbsthilfe interessierten Professionellen ergaben, dass diese die Kontaktstellen nicht als Konkurrenz sondern als Entlastung und qualitativ neues Angebot erleben. Kontaktstellen können hier „Instandsetzer“ für andere Einrichtungen sein, damit diese ihre Möglichkeiten der Selbsthilfeunterstützung erkennen und ausschöpfen.

Die Beratung von an Selbsthilfe interessierten BürgerInnen

In zumeist telefonischen Beratungsgesprächen werden interessierte Bürger über die vorhandenen Selbsthilfegruppen informiert, zur Gründung von Selbsthilfegruppen angeregt oder auf die professionellen Angebote vor Ort hingewiesen.

Typische Fragen in Zusammenhang sind:

  • Ich würde gerne in eine Gruppe für Spielsüchtige gehen. Gibt es so eine Gruppe in unserer Stadt?
  • Nennen Sie mir doch mal die Kontaktperson der Selbsthilfegruppe für erwachsene Epileptiker!
  • Wissen Sie, wo ich die örtliche Gruppe der Rheuma-Liga erreichen kann?
  • Wo und wann trifft sich der Club 68?
  • Stimmt es, dass die Morbus Bechterew-Gruppe heute Abend eine Veranstaltung mit der AOK zusammen macht?
  • Und so weiter, und so fort.

Solche und ähnliche, zumeist telefonische Anfragen sind das Alltagsgeschäft von Kontaktstellen. Zwei Drittel der Personen haben gesundheitliche Anliegen (chronische Erkrankungen, Sucht, Behinderung, psychische Probleme), ein Drittel nahmen eher soziale Themen (familienbezogene, Senioren-, Frauenselbsthilfe ...) zum Anlass, das Angebot zu nutzen.
Die Selbsthilfe-Kontaktstelle bietet den so genannten Selbsthilfe-Interessenten dabei an:

  • Information über Selbsthilfemöglichkeiten, Leistungen der Selbsthilfe-Kontaktstelle und professionelle Angebote
  • Beratung, Clearinggespräche
  • Vermittlung in Gruppen und/oder in das professionelle System (Beratungsstellen, Verwaltungen, ÄrztInnen etc.)
  • Unterstützung bei Gruppengründungen („Starthilfe zur Selbsthilfe“); Clearinggespräche, organisatorische Hilfen, Öffentlichkeitsarbeit, zeitweilige Begleitung in der Startphase ... 


Starthilfe zur Selbsthilfe - Gruppengründungen

Wenn es aus Sicht der interessierten Bürger keine geeignete Selbsthilfegruppe gibt, dann bietet eine Kontaktstelle Unterstützung bei der Gründung einer Gruppe an. Im persönlichen Gespräch werden die Erwartungen der Betroffenen geklärt und unsere Möglichkeiten der Hilfe aufgezeigt. Kontaktstellen helfen bei der Suche nach Gleichbetroffenen, indem sie u.a. Interessentenlisten führen, Pressemitteilungen zu geplanten Gruppengründungen herausgeben, interessierte Fachleute darüber informieren und sie bitten, ihre Patienten, Klienten ... darauf hinzuweisen. Falls erforderlich, können die Initiatoren auch anonym bleiben. Eine Kontaktstelle ist behilflich bei der Suche nach Räumen für die Gruppentreffen, lädt zum ersten Treffen ein und hilft auf Wunsch bei den ersten Gehversuchen der Gruppe. Eine Begleitung von Gruppen ist die Ausnahme und auch dann zeitlich eng begrenzt auf wenige Treffen.

Die Unterstützung bestehender Selbsthilfegruppen

Ein wichtiges Anliegen der Gruppen bezieht sich auf eine Unterstützung der Öffentlichkeitsarbeit. Weitere wichtige Anliegen sind Hilfen bei der Raumsuche bzw. die Raumbereitstellung durch die Kontaktstelle sowie die Vermittlung von Kontakten zu anderen Gruppen und zu Professionellen.
Einen wichtigen Stellenwert hat die Vorbereitung gemeinsamer Aktionen der Selbsthilfegruppen und der Kontaktstelle.
Selbsthilfe-Kontaktstellen veranstalteten Selbsthilfetage und Fortbildungen der Kon-taktstelle (z. B. zum Thema Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Selbsthilfegruppen), einige geben eine eigene Zeitung heraus oder haben eine eigene Radiosendung.

Den Selbsthilfegruppen bietet die Kontaktstelle damit an:

  • Beratung (z. B. bei internen Problemen), Hilfen zur Stabilisierung in Gruppenkrisen
  • Vermittlung von Kontakten zu professionellen HelferInnen
  • Unterstützung, organisatorische/technische Hilfen (bei der Öffentlichkeitsarbeit, Raumsuche etc.)
  • Fortbildungen (Vermittlung, mancherorts auch durch eigene, spezielle Angebote)
  • Vernetzung mit den anderen Selbsthilfegruppen vor Ort

 
Die Kooperation mit Professionellen

Die Zusammenarbeit mit professionellen HelferInnen im Sozial- und Gesundheitsbereich nimmt einen großen Teil der Arbeit der Kontaktstelle in Anspruch. Die wichtigsten Kooperationspartner sind die MitarbeiterInnen der kommunalen Sozial- und Gesundheitsverwaltung, die Fortbildungseinrichtungen sowie die unterschiedlichsten Beratungsstellen. Arbeitsfelder sind hier:

  • Information, Vermittlung (u. a. für den Selbsthilfegedanken werben)
  • den Professionellen deren eigene Möglichkeiten der Selbsthilfeunterstützung aufzeigen und dazu anregen
  • Kooperationen anregen (z. B. bei gemeinsamen Veranstaltungen und Projekten)
  • gegenüber Politik und Verwaltungen: „Politikberatung“, Einfluss nehmen
  • Öffentlichkeitsarbeit, insb. Pressearbeit; „Selbsthilfe öffentlich machen“; Veranstaltungen (Selbsthilfe-Tag etc.), Kontaktstellen-eigene Medien (Faltblatt, Kontaktstellen-Zeitung etc.)


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